Wort

Kolumne

Monatlich schreibt Pastor Martin Kaminski für die Ostfriesen-Zeitung eine Kolumne, die unter der Rubrik „bi karkens“ erscheint. Hier kann man sie lesen:

Die wunderbare Vielfalt (24.05.2024)

Als mennonitischer Pastor kommt man ganz schön rum. Ich habe vier Gemeinden in fünf Städten. Überall treffen wir uns, um Gemeinschaft und Orientierung auf der Grundlage des Evangeliums zu finden.
Und natürlich diskutieren wir auch darüber. Letzte Woche haben wir erst über den Heiligen Geist gesprochen und uns dann gefragt, wie das eigentlich bei den anderen Religionen ist. Schon interessant, was zum Beispiel die Hindus so machen. Wussten Sie zum Beispiel, dass viele kein Fleisch essen, weil Tiere bei ihnen einen sehr hohen Stellenwert haben? Oder wussten Sie, dass man Hindu gar nicht werden kann? Das wird man durch Geburt.
Christ wird man durch die Taufe. Nach dem Verständnis der Mennoniten setzt dies eine bewusste Entscheidung voraus. Daher taufen wir keine Säuglinge.
Mir gefällt es, dass man sich entscheiden kann, zu unserer Glaubensgemeinschaft gehören zu wollen. Und je länger ich mir all die Religionen anschaue, desto zuversichtlicher bin ich, dass ich bei Jesus richtig bin. In der Bibel steht, dass er sagt, dass man nur durch ihn zu Gott kommen kann. Er sei der Weg, die Wahrheit und das Leben. Sind dann alle verloren, die nicht an ihn glauben?
Es gibt Christen, die das behaupten. Ich glaube, dass Jesus diesen Satz einladend und nicht ausgrenzend gemeint hat.
Wir Christen müssen uns nicht über andere Religionen erheben. Wir dürfen uns sogar für sie interessieren, denn so entsteht ein Gespräch.
Am Sonntag ist Trinitatis. Da denken Christen darüber nach, dass Gott sich uns als Vater, Sohn und Heiliger Geist offenbart hat. Gott um uns, Gott mit uns, Gott in uns. Klingt fast ein bisschen buddhistisch, auch wenn die Buddhisten eigentlich gar keinen Gott haben.
Die Hindus haben ganz viele. Juden, Muslime und Christen nur einen. Wobei es Muslime gibt, die behaupten, dass wir Christen drei haben.
Das sind doch wirklich herrliche Grundlagen für einen lebendigen Dialog! Lasst uns einander erzählen, was wir glauben. Mit Freundlichkeit und Respekt, weil Gott die wunderbare Vielfalt liebt.

Radioandachten:

Seit 2013 verantwortet Pastor Martin Kaminski bei zwei Lokalsendern in Ostfriesland werktägliche Morgenandachten. Er spricht zuweilen selbst und koordiniert ansonsten ein ökumenisches Team aus ehren- und hauptamtlichen Predigerinnen und Predigern.

Hier können die Andachten tagesaktuell rund um die Uhr angehört und heruntergeladen werden:

https://radio-kirche.de

Ältere Kolumnen:

Zu Besuch bei Gott (26.04.2024)

“Ich war krank und ihr habt mich besucht.” Wer sagte das noch gleich? Ach ja, Jesus. Kranke besuchen?  Das macht man ja in der Regel nicht so gerne. Man könnte sich anstecken. Es kann ganz schön anstrengend sein, Kranke zu besuchen. Vor allem wenn sie sehr krank sind und man damit rechnen muss, dass sie nicht wieder gesund werden. Schnell gerät man an seine Grenzen. “Du lieber Himmel, das könnte ich sein …” denkt man vielleicht. Und wie soll man als Besucher mit Traurigkeit umgehen, mit Verzweiflung oder Wut?

Und dann sagt Jesus: “Immer wenn ihr jemanden besucht habt, der krank war, habt ihr auch mich besucht.”

Die Leute, zu denen er damals sprach, verstehen den Satz zuerst auch nicht. “Wie bitte? Wann sollten wir dich besucht haben?”

Was meint Jesus überhaupt mit diesem Satz? Er war doch gar nicht krank. Und so richtig besuchen konnte man ihn auch nicht. Er hatte ja gar keinen festen Wohnsitz.

Ich kannte mal eine alte Frau. Sie lebte in einem Altenheim und hieß Alice. Obwohl sie nicht mehr laufen konnte, war sie meistens fröhlich. Als ich sie kennenlernte, war ich 14 Jahre alt. Unsere Gemeindeschwester meinte, es sei gut, wenn zu den Alten mal ein paar junge Leute gehen würden. Ich war der einzige, der sich dann auf den Weg machte. Und das auch nur, weil ich schon damals so schlecht nein sagen konnte. Ich hatte überhaupt keine Lust, alte Leute zu besuchen. Bis ich Alice kennenlernte. Wir haben viele lustige Sachen zusammen erlebt. Ich setzte sie zum Beispiel in einen Rollstuhl und fuhr mit ihr an den Rhein. Die Leute dachten immer, ich sei ihr Enkel. Dabei hatte Alice noch nicht mal Kinder. Ich habe sie fünf Jahre lang besucht, bis sie dann gestorben ist. Ein Satz von Alice ist besonders wichtig. Sie sagte einmal: “Gott ist immer schon da, bevor du kommst.” Ich wusste damals überhaupt nicht, was sie damit meinte. Bis ich viele Jahre später den Satz von Jesus verstanden habe. So schwer der Besuch auch sein mag. Gott ist immer schon da.

Kolumne vom 22. März 2024:

Schönes Wochenende !

Wenn man als Pastor nebenberuflich Busse lenkt, kann man ganz schön was erleben. Ich mache das schon seit vielen Jahren. Aktuell übrigens in Leer im Stadtverkehr. Immer nur ein paar Stunden, vorzugsweise am Freitagnachmittag. 

Der Freitagnachmittag hat eine ganz besondere Magie, finde ich zumindest.

Manche Leute freuen sich aufs Wochenende, andere fürchten das Wochenende. Für die einen ist es viel zu kurz, für die anderen dauert es eine Ewigkeit. Als Busfahrer sieht man sie alle. Jung und alt, berufstätig oder nicht, müde oder albern, wohlhabend oder bedürftig.

Sie steigen ein, sie steigen aus und ein kurzes Stück sind wir miteinander unterwegs. Manche haben ein freundliches Wort für den Busfahrer übrig, andere sind so sehr mit sich selbst beschäftigt oder mit ihrem Smartphone, dass sie die Welt um sich herum gar nicht wahrnehmen.

Ja, wenn man als Pastor nebenberuflich Busfahrer ist, kann man ganz schön was erleben. Manchmal ertappe ich mich dabei, wie ich die Fahrgäste leise oder hörbar segne. Vielleicht fragen Sie sich, was das soll? Wenn jemand besonders bedrückt wirkt, dann hoffe ich, dass sein Leben durch diesen Segen etwas tragbarer wird. Mein Segen geht übrigens so: “Schönes Wochenende!”

Wie bitte? Das soll ein Segen sein? 

Das ist natürlich Ansichtssache. Ich verbinde mit diesem Wunsch die Überzeugung, dass Gott die Menschen kennt und liebt. Indem ich ihnen Gutes wünsche, wie z.b ein schönes Wochenende, spreche ich diese liebevolle Zuwendung aus. Den guten Wunsch zum Wochenende mache ich so zum Segen.

Natürlich könnte ich auch sagen “Gott segne Sie!” Aber ich vermute, dass dies manche Menschen mehr irritieren als aufbauen könnte. Schade eigentlich, aber wahr. Oder sollte ich mutiger sein? Mutiger von Gott und seiner Liebe sprechen, in einer Welt, die manchmal so gottverlassen wirkt?

Wenn man als Pastor nebenberuflich Bus fährt, kann man ganz schön was erleben.

Schönes Wochenende!