Eine Geschichte zum Karfreitag von Martin Kaminski
Und als sie Jesus zu den Hohepriestern geschleppt hatten, wurde er gedemütigt. Ganz allein stand er da, die vollmundigen Jünger waren fort. Die Priester gingen um ihn herum, als wäre er nur eine Sache ohne Seele, die man entsorgen musste. Als wäre er nur eine Idee, die es zu ersticken galt. Als einer ihn bespuckte, gab ich den Befehl zum Einsatz. Weiß bekleidet stürmten wir den Raum, die Wachen waren so überrascht, dass sie keine Chance hatten. Die Priester jammerten und hielten sich aneinander fest. Aber wir Engel waren da und sagten: “Fürchtet euch, denn nun werdet ihr für eure Schandtaten bezahlen.” Dann warfen wir sie zu Boden, zu Füßen unseres Herrn. Er stand da und senkte den Kopf. Weinte er? Fast sah es so aus. Wir Engel standen da mit gezückten Schwertern, warteten auf das Urteil des Menschensohns. Der weinte. Der sagte nichts. Langsam ging er auf die Priester zu. Er legte ihnen die Hände auf. Ohne ein Wort und auch wir waren sprachlos. “Herr, sie dürfen nicht am Leben bleiben”, sagte einer von uns, aber der Herr schwieg. Er schwieg lange und flüsterte dann: “Ich bin kein Herr. Ich bin ein Hirte, ein Diener. Geht und legt die Waffen nieder.”Einer von uns rief: “Komm mit uns!”Bis heute kann ich nicht verstehen, warum er blieb. Warum er ans Kreuz ging. Ich höre seine Worte noch. Und ich sah ihn, als er aus dem Grab ging, was ich danach bewachen sollte. Ich, ein Engel, der ihn befreien wollte, bewachte nun ein leeres Grab an diesem ersten Osternmorgen. Wir wollten, dass seine Geschichte anders ausgeht. Dass die Gewalttäter bezahlen! Aber es war sein Weg, den bis heute keiner gehen will.Ich auch nicht. Ich habe immer die Hand am Schwert. Und er sagt: “Legt die Waffen nieder.”